Poststrukturalismus – wann begann es, schief zu laufen?

Ein Text von 2018, anläßlich der causa Sonneborn noch mal unverändert aus dem lokalen Archiv geholt:

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(Untertitel geklaut bei „Guru„)

Soup ist wieder kaputt, das hat mich aus dem Flow der Fortsetzungen gebracht, außerdem ändern sich die Prioritäten, wenn die Temperaturen sinken. Damit ich das jetzt mal aus der Pipeline kriege, hier zumindest noch mal der Anfang plus der dritte Teil:

Sicher habt ihr das hier schon ergoogelt:

„Alle Richtungen des Poststrukturalismus betreiben eine rigorose Semiotisierung der Welt und der Wissenschaft, anders ausgedrückt, die Wirklichkeit erschöpft sich für sie in Zeichen und Zeichensystemen. Oder noch drastischer: Sie behaupten, es gebe keine Wirklichkeit außerhalb der Sprache…

Ursprünglich in der Literaturwissenschaft beheimatet, wurde der Poststrukturalismus zu einer umfassenden Kulturtheorie weiterentwickelt, in der die Welt als Text betrachtet wird. Eine außersprachliche oder außersemiotische Wirklichkeit, auf die der Text verweise, existiere nicht…

Außer dem Tod des Subjekts behaupten die Poststrukturalisten auch den Tod der Geschichte, der Vernunft, der Wahrheit, des Autors etc.

Ende der subjektiven Verantwortung: Es gebe keinen Täter hinter der Tat. (Nietzsche: »Niemand ist für sein Wesen verantwortlich, niemand für seine Taten.«)

Partikularismus: Hierarchisch organisierte Theorien und Systeme werden ebenso abgelehnt, wie jeder Monismus und Universalismus. Stattdessen werden Einzeluntersuchungen angestellt. …

Gegen Marxismus: Die ökonomischen Gesetze seien den Gesetzen der Sprache und der Struktur des arbiträren Codes unterworfen und spiegeln dieses wider. [Selbst soziale Ungleichheit und Wirtschaftskrisen sind Sprach- bzw. Zeichenprobleme.] …

Ignorierung oder Minderbewertung der Naturwissenschaften.

Abwertung des empirisch Feststellbaren zugunsten meist sinnloser Abstraktionen.

Durch die Ablehnung der Vernunft kommt eine Beliebigkeit oder Verspieltheit hinein.

Die Poststrukturalisten sind weitgehend elitär und unpolitisch.“

Das, meine Damen und Herren, ist die gängige „Philosophie“, an der niemand vorbeikommt, der an einer geistes’wissenschaftlichen‘ Fakultät studiert. Was dort abgeht, kann sich außerhalb dieser Blase niemand vorstellen.

Habt ihr die Grundidee schön verinnerlicht?

„Es gibt keine Wirklichkeit, nur Konventionen, Interpretationen, Konstruktionen. Falls es unwahrscheinlicherweise doch so etwas wie Realität geben sollte, ändert sie sich, je nach dem, wie ich sie gerade konstruiere. Wenn ich mir morgen etwas Neues ausdenke, zum Beispiel ein neues Geschlecht für mich erfinde, dann gibt es das auch, und die Welt hat das zu akzeptieren. Wenn jemand etwas anderes sich ausdenkt, daß z.B. die Erde ein Würfel ist, und ich sage, nein, eine Eiswaffel, dann sind das zwei gleichberechtigte Meinungen und wir können das so nebeneinander stehen lassen. ‚Die Wahrheit‘ ist auch nur ein Konzept, die gibt es in Wahrheit nicht.

Das haben wir auf der Uni, der höchsten aller Bildungsanstalten, gelernt. Muß also stimmen.

Jetzt schreibe ich irgendeine Behauptung mit passend gemachter Beweiskette auf (je abgefahrener und unverständlicher, desto besser), und kriege dafür ein Diplom.
Dann habe ich also einen klangvollen Hochschulabschluß, der auf dem Papier so viel wert ist wie ein Ingenieurstudium, nur leider weder brauchbare Fähigkeiten noch belastbare Argumente. Was macht man damit? Na klar: ich gehe dahin, wo man mit Geschwurbel durchkommt.

Die verpeilte Variante: der Guten Fee vom Sozialamt erklären, daß ich endlos überqualifiziert und dennoch zu nichts zu gebrauchen bin.
Die Profi- Variante: an der Uni bleiben (bei Tausenden, die das wollen, stehen die Chancen natürlich schlecht).
Oder vielleicht in die Politik? Oder irgendwas mit Medien? Projektmanagement vielleicht?

Na ja, hm. Das ist nicht einmal grob karikiert. Ich selber bin vor Jahrzehnten durch eine Kette von Zufällen in einem GW- Studium gelandet (und aus –ähem– Faulheit dabeigeblieben), war zwischendrin in der Politik, habe nach dem Abschluß noch ein bißchen… – na ja, egal. Ich kenne das Tollhaus von innen. Und wenn ich mir heute vorstelle, daß diese Wirrköpfe, die ich da kennengelernt habe (und von denen ich einer war), heute in achtbaren Positionen sitzen, und nicht alle die Erkenntnis, daß alles Bullshit war, hatten… au weia.

Ich mache mich übrigens nicht lustig über die Posties. Ich hege auch keinen Groll.

Daß man beim Philosophieren den Kompaß verlieren kann, passiert nun mal. Niemand ist frei davon. Das ist eben so. Weiß ich ja selbst am besten… Und Hand aufs Herz: Wenn der Hippietraum akademische Weihen hat, dann träumt er sich doch noch mal so schön, oder etwa nicht? Wer kann da widerstehen?

Bestandsaufnahme: Wir haben es mit einer großen Anzahl hoffnungsvoller junger Leute zu tun, die sich in eine intellektuelle Sackgasse studiert haben. Behauptungsliberalismus. Alle können alles behaupten, wem’s nicht paßt, der soll das Gegenteil beweisen, aber ein Kriterium für die Wahrheit gibt es sowieso nicht.

Fatal ist jetzt: die Suche nach Schuldigen für das erwartbare Scheitern. Daß die Welt kein Ponyhof ist, kann doch nur an allgegenwärtiger Diskriminierung liegen! Daß niemand uns einen hochbezahlten Job anbietet, ist ein Zeichen für strukturelle Gewalt! Usw… usw…

Pranz nannte man das früher. Geschwätz. Die Folge: Beliebigkeit. Zersplitterung.
Nun braucht es eine Klammer, um das Zersplitterte wieder zusammenzubringen. Dazu eignen sich traditionell Religion und Krieg.
Welche Religion sich die Posties ausgedacht haben, ist sattsam bekannt, und welchen Kampf sie kämpfen, auch.

Zur Sache, Schätzchen, laß endlich die Katze aus dem Sack! Worauf willste jetzt hinaus?

Ich werfe den Posties vor, den Begriff „links“ gekapert zu haben. Etwa so:

„Wir sind die Sachwalter des Geistes von 1968. Wir sind die Avantgarde. Wir sind progressiv. Wir sind links. Wer uns kritisiert, muß also rechts sein. Wer rechts ist, ist eigentlich rechtsextrem. Also außerhalb des demokratischen Spektrums. Also müssen wir gar nicht diskutieren. Nicht mal zuhören.“

Nein. Der Beginn der Argumentationskette ist nur eine Behauptung. Dann kommen ein paar Fehlschlüsse. Das Ende ist Totalitarismus in Reinform.

Wer unteilbare Menschenrechte proklamiert statt Spezialgruppensonderrechten, ist rechts?
Wer Genderideologie und vergleichbares Zeugs für unwissenschaftlichen Unfug hält, ist rechts?
Wer sagt, daß der Aufkreisch – Feminismus absolut nichts mit der Frauenrechtsbewegung zu tun hat, ist rechts?
Wer sagt, es kann auch andere Gründe für persönliches Scheitern geben als Diskriminierung, ist…
Wer sagt, jetzt ist es allerhöchste Zeit, die Wiederkehr der Religion auszubremsen…
(usw. usw. usw…)

Nein. Wer auf jede Äußerung von Zweifeln mit der größtmöglichen Keule kloppt, ist offenbar intellektuell am Ende.

Wenn nun das, was die Mehrheit als konsensfähig ansieht, nämlich das ganz unspektakuläre, langweilige, traditionelle Leben, in dem Wissen und Können zählt, von einer lautstarken selbsternannten Avantgarde in die rechte Ecke geschoben wird, dann ist das eine Verharmlosung der extremen  Rechten. Wenn die Bürgerliche Mitte mal eben so ohne jegliches Augenmaß mit Neonazis in einen Topf geschmissen und bekämpft wird, dann hört man die Herren Stalin und Mao lachen. Dieses Gelächter ist mittlerweile so laut, daß es nicht mehr überhörbar ist. Es wenden sich immer mehr mit Grausen ab.

Es gibt weniger einen Rechtsruck, es gibt vielmehr eine Linksflucht.

Die Mitte sagt inzwischen: Die Linke hat jahrelang auf uns eingeprügelt und behauptet, wir wären „rechts“, weil wir nicht jeden ihrer Hirnfürze inhaliert haben, dann rutscht uns doch den Buckel runter.

Daß das passiert ist, ist die unverzeihliche Sünde der postmodernen Pseudolinken. Das war nicht unausweichlich, und das war ohne großartige Denkleistung schon vor Jahren absehbar. Das hätte vermieden werden können.

Nein, die Poststrukturalisten sind nicht „links“. „Links“ heißt integrierend, solidarisch, meinetwegen gewerkschaftlich oder sozialdemokratisch und so. Die Posties schließen jeden aus, der nicht den kompletten Katalog spinnerter Ideen im Ganzen unterschreibt. Damit sind sie so antidemokratisch wie die äußerste extreme Gegenseite.

Ich beteilige mich nicht an der Diskussion, ob „links“ und „rechts“ gleich schlimm oder überhaupt das Gleiche oder wie auch immer sind. Ich ziehe auch keine historischen Vergleiche.
Das einzige, worauf ich bei dieser Fortsetzung hinauswill, ist der Satz mit der unverzeihlichen Sünde.

Soweit der liegengebliebene Text. Kommt mir arg unvollständig vor, aber für mehr hab ich jetzt keine Zeit. Anlaß war übrigens die Frage, ob „die Medien“ lügen. Hatte ich erst mal abgewimmelt, und drei Wochen später die Antwort gegeben: „Nein. Sie lügen nicht. Sie glauben selbst, was sie da schreiben.“ Der Text ist sozusagen die Langfassung der Antwort…